Bevor der Erhabene Buddha den Menschen die Lehre darlegte, vergewisserte er sich erst, dass sie die Grundlagen begriffen hatten. Tun wir es ihm also gleich und starten genau dort, wo es der Erhabene selbst jeweils getan hat. In der Palisprache heissen diese Grundlagen ānupubbī-kathā, was meist als stufenweise Heranführung an die Lehre übersetzt wird. Aus der Praxis aber weiss ich, dass gerade diese Grundlagen, wesentlicher Bestandteil der Lehre und der Praxis selbst sind. So nenne ich die ānupubbī-kathā fortan Tugend des Buddhisten, weil es, in meinen Augen, treffender ausdrückt, um was es geht. Alle diese Tugenden müssen wir solange entfalten, bis wir die volle Erwachung bewerkstelligt haben.

Aus eigener Erfahrung und aus zahlreicher Erfahrung mit anderen Menschen weiss ich, dass diese Grundlagen über Gedeih und Verderb entscheidet. Warum dem so ist, versuche ich hier im Detail zu erklären. 

"Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust!",

lässt Goethe den Faust laut ausrufen. Und damit trifft er den Nagel genau auf den Kopf. In unserem Herzen wohnen zwei Mächte, die sich ständig gegenseitig bekämpfen. Die eine Macht, schwach wie ein kränkelndes Kind, nennt sich Dhamma, die gute Macht. Auf der anderen Seite, stark wie ein Elefant, die drei kilesa, Gier, Hass und Verblendung, die schlechte Macht. Diese zwei Mächte streiten sich darum, wer in uns gerade das Sagen hat und bestimmen darf, was wir denken, sprechen und tun.

Wenn wir die Lehre des Erhabenen Buddha als Weg der Befreiung sehen, dann geht es darum, uns von Gier, Hass und Verblendung zu befreien. Und glaub ja nicht, Du hättest keine Gier und keinen Hass in Deinem Herzen, da hätte fatale Folgen. Weil wir Gier und Hass im Herzen haben, wurden wir überhaupt geboren. Es kann gar nicht sein, dass irgendjemand ohne Gier und Hass geboren wurde. Selbst der Erhabene Buddha hatte bei seiner Geburt noch Gier und Hass in seinem Herzen.

Da das aber schlechte Eigenschaften sind, wollen wir nicht wahrhaben, dass wir unter ihrer Macht stehen. Wenn wir ernsthaft praktizieren und tief in unser Wesen eindringen beginnen wir zu erkennen, wie clever sie uns an der Nase herum führen, denn viele Eigenschaften, die wir heute noch als gut und erstrebenswert erachten, die Liebe beispielsweise, bestehen aus Gier und Hass. Es ist wahrlich nicht leicht, dies einzugestehen und genau deshalb brauchen wir die Grundlagen. Wir müssen so wertvolle Eigenschaften wie Anstand, Moral, Grosszügigkeit, Respekt, Dankbarkeit und Hochachtung entwickeln und stetig veredeln. 

Wenn wir diese Eigenschaften nicht kultivieren, wie wollen wir an uns selbst arbeiten. Wie kann man gegen den Hass ankämpfen, wenn man nicht grosszügig zu sich selbst ist und denkt: "Im Moment ist der Hass da, deshalb werde ich weder den Hass, noch mich selbst hassen, sondern Schritt für Schritt dem Hass entgegentreten und ihn mindern." Eine solche Einstellung sich selbst gegenüber benötigt ein hohes Mass an Grosszügigkeit, Respekt, Anstand und Achtung.

Dass beispielsweise Respekt und Achtung noch gering sind, könnt Ihr an Eurem Verhalten Euch selbst gegenüber anschauen. Schaut mal über den Tag gesehen, wie viele Mal hattet Ihr Euch schlecht gefühlt, und wie viele Male gut. All die schlechten Gefühle in unserem Herzen sind da drin, weil wir sie erzeugen. Wir sind die Ursache unserer eigenen Gefühle. Es sind nicht die Politiker, nicht die Lehrer, nicht die Eltern, nicht die Arbeitskollegen, ja noch nicht mal die Terroristen, die uns ein schlechtes Gefühl ins Herz bringen. Haben wir so wenig Achtung und Respekt vor uns selbst, dass wir uns dauernd schlechte Gefühle erzeugen. Ja, genau so ist es. Genau so und nicht anders. 

Aus diesen, oben genannten Gründen, ist es enorm wichtig, sich mit einer höchstmöglichen Sorgfalt der Grundlagen des Buddhismus anzunehmen. Ihr könnt im Laufe der Zeit selbst feststellen, dass Grosszügigkeit mit materiellen Dingen den wichtigen Effekt hat, dass loslassen von falschen Ansichten und Meinungen, loslassen von Hass und Gier, einfacher von statten geht.

Mir ist schleierhaft, weshalb die Scholastiker die ānupubbī-kathā als schrittweise Heranführung an die Lehre bezeichnen, für mich und ich spreche aus  Erfahrung, sind wir mit den Grundlagen, bereits mitten drin. Und ich kann Euch versichern, ohne diese Grundlagen, werdet Ihr nie und nimmer erfolgreich praktizieren können.

Als Kind habe ich gelernt, danke zu sagen, wenn ich etwas bekommen habe. Genau so habe ich auch meine Kinder erzogen und ich gehe davon aus, dass auch Ihr so erzogen wurdet. Heute würde ich meine Kinder anders erziehen, sie sollen nicht einfach nur danke sagen, denn das kann ein Papagei auch. Primär sollen sie dankbar sein und aus dieser Dankbarkeit heraus, danke sagen. Aber wichtig ist es, dankbar zu sein. Es ist nämlich sehr gut möglich, danke zu sagen ohne dankbar zu sein und Dankbarkeit ist eine sehr heilsame Eigenschaft, die wir kultivieren müssen. Leider ist auch das eine Ding, welches in den vergangenen Jahrzehnten fast gänzlich verloren gegangen ist. 

Was in der Aufzählung fehlt, hier aber unbedingt angefügt werden muss, ist der Hinweis auf Kritik. In Abweichung zum Palikanon ist bei uns Waldmönchen jegliche Art von Kritik verpönt. Das hat Auswirkungen in alle thailändische Klöster und sehr weit in die thailändische Gesellschaft hinein. Bei uns im Kloster ist es so, dass derjenige, der einen anderen Mönch kritisiert, und sei es auch noch so gut gemeint, der kann seine sieben Sachen packen und muss das Kloster verlassen. Kritik ist ein absolutes no go. Geht nicht.

Lange Zeit habe ich mich über das gewundert und habe sogar gedacht, den Mönchen hier seien ihre Brüder egal, weil sie sie auf Fehler, nicht aufmerksam machten. Durch das Leben und Erleben im Kloster habe ich aber am eigenen Leib mitbekommen, wie angenehm es ist, nicht kritisiert zu werden. Wir haben hier die wunderschöne Situation, sehr harmonisch, dass wir solange Fehler machen dürfen, bis wir selbst einsehen, dass dies oder das ein Fehler ist. Der einzige Mönch der kritisieren darf und es tut, ist der Lehrer und er tut das sehr dominant. Alle anderen Mönche haben sich auf sich selbst zu besinnen. Je länger ich in diesem Kloster lebe, desto angenehmer fühle ich mich, trotz der harten Praxis. Und denken wir daran, keine Kritik an anderen beinhaltet auch keine Kritik an uns selbst. Wir dürfen Hass und Gier nicht mit Hass bekämpfen.

Bei den deutschsprachigen Buddhisten sieht es ganz anders aus, hier ist die Kritik an der Tagesordnung. Einige scheinen es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben, andere zu kritisieren, natürlich immer unter dem Deckmantel von Wohlwollen und Güte (mettā). Bitte lasst das sein, Ihr seht in anderen sowieso nur Eure eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten. Kritik hat mit Wohlwollen und Güte nichts zu tun und deshalb wollen wir nie wieder kritisieren. Das ist dann auch ein Teil des Anstandes, der bei uns Westlern leider fast gänzlich abhanden gekommen ist. Ein Mönch übt sich in der hohen sīla. Sīla kann als Ethik, Moral, Sittlichkeit bezeichnet werden. Und wir üben uns nicht nur darin, sondern wir machen jeden Fehler wieder gut, so dass wir spätestens alle 14 Tage, wenn wir die pāthimokka (Mönchskodex, oder Mönchsregeln) rezitieren, rein sind. Deshalb sind Mönche der Ehre würdig und deshalb spricht man sie mit Ehrwürdiger an. Es sei denn, man hat vor so viel Reinheit keine Achtung. Aber dann braucht Ihr hier nicht weiter zu lesen, dann bringt Euch die buddhistische Lehre nichts. Dann verachtet Ihr nicht nur die Mönche, sondern auch Euch selbst und somit verhindert Ihr eine Verhaltensänderung.