Kamma und vipāka ist wohl die am häufigsten missverstandene Teillehre des Dhamma-Vinaya. Es ist so komplex, dass es noch nicht mal jedem arahat möglich ist, in feine Details einzusehen. Deshalb dürfen wir nicht in die Illusion verfallen, wir würden uns im Thema bestens auskennen. Besonders bei kamma und vipāka ist es ratsam, dass wir uns in Demut üben.

Kamma kann als Tat oder Handlung übersetzt werden. Es gibt kamma gedanklicher, sprachlicher und körperlicher Natur. Das heisst, alles was wir denken, sprechen und mit dem Körper tun ist kamma. Ein jedes Tun hat seine Auswirkung, aus jeder Tat erwächst eine Frucht und das nennt man vipāka. Vielleicht kennt Ihr das Gesetz von Ursache und Wirkung. Die Ursache ist kamma, die Wirkung ist vipāka.

Wir kennen vier Arten von kamma:

Das gute kamma, welches zu guten Resultaten (vipāka) und zu einer guten Wiedergeburt führt;

Das schlechte kamma, welches zu schlechten Resultaten und zu einer schlechten Wiedergeburt führt;

Das gemischte kamma, welches zu gemischten Resultaten und zu einer gemischten Wiedergeburt führt;

Das heilsame kamma, welches zu heilsamen Resultaten, zu einer heilsamen Wiedergeburt und letztlich zur Nicht-Wiedergeburt führt.  

Wenn wir einen Stein ins Wasser werfen, dann entstehen im Wasser Ringe. Der erste Ring entsteht im selben Augenblick, wo der Stein die Wasseroberfläche trifft und durchstösst. Alle weiteren Ringe entstehen zeitverzögert. Genau so verhält es sich mit kamma und vipāka. Ein Stein (kamma) führt zu mehreren Ringen (vipāka). Der erste Ring ist der kleinste, es ist das Gefühl, welches in unserem Herzen entsteht, wenn wir etwas tun. Gutes und heilsames kamma führen zu einem Wohlgefühl, schlechtes und gemischtes kamma zu einem Wehgefühl. Wenige weitere kleine Ringe können noch während dem derzeitigen Leben wirksam werden, beispielsweise eine Veränderung von unserem Wesen. Je öfter wir die sīla bewusst einhalten, desto mehr verändert sich unser Wesen, bis es 'in Fleisch und Blut' übergegangen ist. Dann gibt es den äussersten Ring und das ist geometrisch gesehen der grösste aller Ringe. Es ist sinnbildlich jenes vipāka, welches in einer späteren Wiedergeburt aktiv wird.

Weit über 90% unseres derzeitigen Daseins besteht aus kamma, welches wir in früheren Leben geschaffen haben. So ist beispielsweise die Dauer unseres Lebens nicht gross verlänger-, oder verkürzbar. Es sind nur wenige Monate, die wir gewinnen oder verlieren. Die Art des Todes steht auch fest, welche Krankheiten wir bekommen, ob diese Krankheiten heilbar oder unheilbar sind, das alles ist durch kamma aus früheren Leben vorbestimmt. Es gibt im Palikanon einige Stellen, die dies erläutern und wir haben hier im Nordosten von Thailand Belehrungen der Arahat, die wir studieren können. Hier nur einige aufgelistet:

  • wer tötet gelangt in die Hölle und hat als Mensch wiedergeboren, ein kurzes Leben;
  • wer Hass auslebt, wird einen hässlichen Körper haben:
  • wer lügt, wird aus dem Mund stinken, in der Hölle wird ihm ständig die Zunge aus dem Mund gerissen;
  • wer geizig ist, wird arm sein;
  • wer stiehlt, dem wird in der Hölle die Hände abgehackt und als Mensch wiedergeboren, wird er bestohlen werden;
  • wer viel Alkohol trinkt, wird dumm sein;
  • wer gierig ist, wird als hungriger Geist (preta). Diese haben einen ganz kleinen Mund, aber einen grossen Bauch. Durch den kleinen Mund können sie nie genug essen reinstopfen, damit sie endlich mal satt sind;
  • Neider werden als Menschen wiedergeboren, die keinerlei Einfluss haben werden
  • wer grosszügig ist, wir reich sein;
  • wer mit dem Körper dient, wird von schöner Gestalt sein;
  • wer gute und heilsam Gedanken hegt und pflegt, wird intelligent sein und wenig, geistig schlechtes vipāka (in Form von schlechten Gedanken) haben
  • wer freundlich, anständig, respektvoll ist, wird als Mensch geboren, dem genau das entgegengebracht wird und ein angenehmes Wesen besitzen
  • Wer ehrlich ist, dem wird, als Mensch wiedergeboren, zugehört werden, seine Worte werden gehört und haben Gewicht.

Jetzt wird es interessant, denn mit diesen Informationen können wir, wenn wir wiedergeboren werden wollen, unser nächstes Leben gestalten. Wir müssen dabei nur eines wissen, es gibt über viele Leben gesehen, kein stetiger Fortschritt hin zum Nochbesseren. Schauen wir das mal im Thema Grosszügigkeit an. Wer viel Geld spendet, wird im nächsten Leben reich sein und er verändert sein Wesen hin zu Grosszügigkeit, weg von Gier und Geiz. Aber, das geht nicht unendlich so weiter. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, wir werden zwar als sehr reicher Mensch wiedergeboren, jedoch kippt unsere Eigenschaft der Grosszügigkeit in Geiz. Wir erkennen das bei den reichen Menschen unserer Gesellschaft. Es gibt Milliardäre, die spenden die Hälfte ihres Vermögens. Es gibt aber auch Milliardäre, die sind so geizig, dass sie ihre eigene Kleidung als second hand, kaufen. Die tragen nur gebrauchte Kleidung.

Nun schauen wir an, wie kamma und vipāka in einer alltäglichen Situation funktioniert, das wird sehr oft komplett missverstanden. Wir haben zwei Personen, die Person A und die Person B. Person A schlägt der Person B ins Gesicht. Um zu verstehen, was da geschehen ist, müssen wir diese vermeintlich Situation aufteilen. Wir haben nämlich nicht eine, sondern zwei Situationen. Die Situation A der Person A und die Situation B der Person B.

Schauen wir die Situation A der Person A an. A hat zu 100% freie Entscheidungsgewalt, weil A kamma tätigt. A entschliesst sich zu schlagen, schlechtes kamma ist getan. Erster Ring von vipāka ist das schlechte Gefühl in A's Herzen. Das letzte vipāka von A wird sein, dass die Person A geschlagen werden wird. Als Person A können wir in keinem Fall argumentieren, B oder ein anderer hätten uns zum Schlagen veranlasst. A und ausschliesslich A hat sich entschieden zu schlagen. Er hätte den Schlag aber genau so gut weglassen können. Vielleicht wird A argumentieren, B hätte proviziert oder beschimpft, das ist aber eine Ausrede. Zwar wird in so einem Fall ein weltlicher Richter die schwere der Tat mindern, kamma und vipāka kennen aber keine Gnade, es ist ja nur ein Gesetz welches logisch und folgerichtig funktioniert.

Nun schauen wir die Situation B mit der Person B an. Person B wird geschlagen, was ganz eindeutig B's vipāka ist. Weshalb ist es B's vipāka? Weil B früher geschlagen hat, nur deshalb wird B in dieser Situation auch geschlagen. B's kamma liegt ja in der Vergangenheit, der Schlag kann nicht verhindert werden, der muss ausgeführt werden, damit B's vipāka getilgt ist.

Beide Situationen haben rein gar nichts miteinander zu tun. A kann auf keinen Fall die Ausrede benutzen, B hätte den Schlag verdient. Niemand, auch nicht kamma und vipāka kann B zu dieser Tat zwingen. B hingegen kann dem Schlag nicht entgehen. Wenn A sich gegen das Schlagen entscheidet, wird C, D, E oder F kommen und zuschlagen, es geht gar nicht anders, weil B das kamma bereits getätigt hat.

Ich beschreibe das deshalb so ausführlich, weil wir Menschen dumm sind und unser ganzes Leben lange mit aller Kraft, Zeit und Geld versuchen, unser vipāka abzuändern und dadurch bleibt uns keine Kraft, Zeit und Geld das zu tun, was Sinn macht. Das zu tun, wo wir 100% freie Entscheidungsgewalt haben, uns nämlich einzig und alleine auf kamma zu konzentrieren und nur gutes oder gar heilsames kamma zu tätigen. Es ist wirklich wichtig, dass wir das glasklar sehen und unseren Alltag solange nach kamma und vipāka einsehen, bis wir beginnen, das Richtige, richtig zu tun. Das dies nicht über Nacht geschieht ist hoffentlich allen klar und weil es seine Zeit braucht, ist es weise, sofort damit zu beginnen, anstatt es aufzuschieben.

Nochmals, wir Menschen sind dumm und ich spreche hier ganz explizit vom einzelnen Menschen, von Dir und von mir. Solange wir uns gegen unser vipāka auflehnen, unser bereits geschaffenes vipāka, durch unser früheres kamma in Stein gemeisseltes vipāka, auflehnen und zur Wehr setzen, solange erzeugen wir dukkha in unserem Herzen. Dieses sich gegen das eigene vipāka stellen, es abzulehnen, es zu bekämpfen, ist nur eines, neues schlechtes kamma. So schaffen wir einen Teufelskreislauf und ohne buddhistische Praxis, ohne heilsames kamma, gibt es aus diesem Teufelskreislauf kein entrinnen. 

Oft werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen gutem und heilsamem kamma ist. Das ist schwer zu erklären und kann nicht an allgemein gültigen Beispielen erklärt werden. Hier bedarf es ein längeres, vertieftes Gespräch um heraus zu bekommen, welche Art es ist. So grob kann man sagen, dass sämtliche buddhistische Praxis, wie sie hier im Walddhamma vorgestellt wird, heilsames oder gutes kamma ist. Wiederholt weise ich darauf hin, dass wir mit zunehmender Praxis an Erfahrung gewinnen und uns dann besser auf unser Gefühl im Herzen verlassen können. Zentral dabei ist aber, dass wir das Gefühl im Herzen und die Gedanken der kilesa auseinander halten können. Aber ich kann Euch beruhigen, da Ihr sowieso den ganzen Tag über vorwiegend schlechtes und gemischtes kamma tätigt, kann es nur besser werden, wenn Ihr mit der Praxis beginnt.

Einen Teil von kamma habe ich unterschlagen, ganz bewusst noch nicht angesprochen. Denn wer diesen Teil fehlinterpretiert, dem droht grosses Unheil. Hinter kamma steckt der Wille, buddhistisch cetanā genannt. Es gibt nämlich Handlungen, welche ohne cetanā ausgeführt werden und die folglich nicht dem Gesetz von kamma und vipāka unterworfen sind. Das zu verstehen ist sehr hohe Schule und benötigt ein hohes Mass an Praxiserfahrung. Deshalb gehe ich hier an dieser Stelle auch nicht weiter darauf ein, wir müssen mit dem arbeiten, was jetzt ist und es ist richtig davon auszugehen, dass jegliche Tat gedanklicher, körperlicher und geistiger Natur kamma ist und vipāka zur Folge hat.

Zum Abschluss noch ein Gedanke, welcher mir sehr geholfen hat, den Weg zu gutem und heilsamen kamma zu gehen. Es hat direkt mit dem Thema anattā zu tun, der Teillehre des Nicht-Selbst. Zwar denken wir Menschen, dass es ein Ich gäbe. Zuerst denken wir, ich bin mein Körper. Dieses Denken ist die erste niedere Fessel. Wenn wir die gelöst haben und klar und deutlich wissen, dass wir nicht der Körper sind, dann glauben wir, Ich bin mein Geist. Das auch diese Ansicht eine Illusion ist und es ein Ich gar nicht gibt, ist die letzte Fessel die wir lösen, bevor wir komplett befreit sind und die Arahatschaft vewirklicht haben. Hier habe ich also eine Zwischenlösung erarbeitet und wenn immer das Ich hochkam, habe ich mir gesagt, Ich bin mein kamma, Ich bin der Herr über mein kamma. Das bedeutet, dass ich mir jeweils eindringlich bewusst mache, dass ich die volle Freiheit über mein kamma habe.

Diese Art von Denken ist die richtige Art, mit dieser Ich-Illusion umzugehen und es ist sehr hilfreich auf dem Weg zur Befreiung. Mir ist bewusst, dass im Palikanon eine Passage drin ist, wo der Erhabene Buddha folgendes sagt:

"Nicht findet man der Taten Täter, kein Wesen das die Wirkung trifft.
Nur leere Dinge zieh'n vorüber: Wer so erkennt, hat den rechten Blick."

Das was der Erhabene Buddha da beschreibt, ist ein Arahat. Der vollkommen Erwachte hat den Kampf gegen sich selbst gewonnen, die Ich-Illusion für immer abgelegt. Wir aber sind noch keine Arahat, wohl finden wir einen Taten Täter und wohl finden wir unser Ich, welches die Wirkung trifft. Ich schreibe das so dezidiert, weil ich mehrere Personen kenne, die sich in diesem Thema verrannt haben. Die befinden sich auf dem Holzweg und das Dramatische daran ist, dass sie niemand von diesem Holzweg runterholen kann, weil sie niemanden als höhere Autorität anerkennen. Alle diese Menschen haben es abgelehnt, den buddhistischen Weg mit einem Lehrer zu gehen, aus welchen Gründen auch immer.

Ein letzter Gedanke zum Thema. Wenn immer Ihr einem sterbenden Wesen begegnet, begleitet es mit sehr lieben Worten in den Tod. Bei einem Menschen, macht den Sterbenden auf seine guten Taten aufmerksam, verhindert, dass sie sich an schlechte Taten erinnert und macht dieser Person auf keinen Fall irgendwelche Vorwürfe. Denn mit dem geistigen kamma, mit welchem der Mensch stirbt, wird es im nächsten Leben als vipāka geboren. Dieser Prozess des Sterbens ist die letzte Möglichkeit, dass wir loslassen, vielleicht sogar das Ich, was vollständiges Erwachen bedeutet. Auf keinen Fall, unter keinen Umständen, sollten wir Sterbehilfe leisten oder gar selbst Hand anlegen. Wir eine Katze vom Auto überfahren, so begleitet diese Katze in den Tod, erzählt ihr vom menschlichen Daseinsbereich, in dem sie wiedergeboren wird und sich dem Dhamma zuwendet. Dass die Katze ein leidvolles Ende nimmt, ist ihr vipāka und wenn ihr das Tier tötet, dann konnte sie ihr vipāka nicht tilgen und wird im nächsten Leben wieder in die Situation kommen, wo sie überfahren werden wird. Denkt daran, wir können vipāka nicht verhindern. Zudem ist töten in jedem Fall schlechtes kamma.