Wenn wir die Geschichte des Buddhismus anschauen, wie er nach Europa kam, dann erkennen wir, dass er von Laien und nicht von Mönchen nach England und von dort in die deutschsprachigen Länder gebracht wurde. Die Laien die das übernahmen, waren im dhamma-vinaya unerfahren und haben ihn Buddhismus genannt, Buddhas Lehre. Unter ihnen waren Beamte und Wissenschaftler von Grossbritannien, aber keine Praktizierenden und schon gar keine Mönche. 

So kam es, dass die ersten Übersetzungen durch Leute gemacht wurden, die vom Inhalt keinen blassen Schimmer gehabt haben und dessen Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Wer nämlich dukkha als Leiden übersetzt und versteht, der versteht dukkha nicht, um mal nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Das englische suffering und das Deutsche Leiden hat sich aber bis heute gehalten und sogar Mönche bedienen sich dieser mangelhaften Übersetzungen. Dann kommt noch hinzu, dass es für sehr viele Paliausdrücke gar keine treffende Deutsche Übersetzung gibt. Das hatte beispielsweise in Thailand zur Folge, dass die thailändische Sprache einer grossen Veränderung unterzogen wurde, als sie den dhamma-vinaya erhielten. In China dauerte es 200 Jahre, bis sich eine buddhistische Sprache herausgebildet hatte. In beiden Ländern hat der Staat diese Aufgabe koordiniert oder gar geführt. 

In Europa haben sich dann Laien, anhand der fragwürdigen Übersetzungen daran gemacht, andere Laien zu lehren. Und so kommt es, dass in Deutschland, Österreich und der Schweiz Laien, Laien belehren, mit einer buddhistischen Lehre, die mit dem Original wenig bis nichts zu tun hat. Da aber das System für die Laien so gut funktioniert, verzichten sie auf die Gründung von Klöstern und die Einladung von Mönchen, die in diesen Ländern leben, praktizieren und lehren. Wisst Ihr, wie viele Klöster in Euren Ländern bestehen, in denen praktizierende Mönche leben? In Deutschland sind es gerade mal deren zwei, in der Schweiz ist es eines und Österreich hat keines. Das ist die Situation, mit der Ihr Euch konfrontiert seht. Der deutschsprachige Buddhist lernt von Lehrern, die gar nicht wissen, was sie lehren. Denn Lehrer, von der etymologischen Herkunft angeschaut, beinhaltet Wissen und Erfahrung. Wissen (vijjā)  im spirituellen Sinn kann mit weltlichem Wissen nicht verglichen werden. Der Erhabene Buddha spricht in einem Gleichnis von dem Mann, der die Schlange am Schwanz packt, die Schlange ihren Kopf wendet und dem Mann in die Hand beisst. Genau so verhält es sich mit dem dhamma. Wer den dhamma lehrt, ohne ihn zu kennen, packt den dhamma am Schwanz und wird vom dhamma gebissen.

Vielleicht könnt Ihr jetzt nach diesen wenigen Zeilen erahnen, wie viel karunā (Mitleid) ich für Euch und Eure Situation empfinde? All die Lehrer, die (hoffentlich) in gutem Glauben etwas tun, was sie als gut erachten und all die Schüler, die in gutem Glauben ihre Kurse besuchen. Lehrer und Kurse die versprechen dhamma zu lehren, aber es eben nur versprechen. Und wie wenn das alles noch nicht schlimm genug ist, sind wir deutschsprachigen Menschen eher knausrig und geizig. Sicherlich nicht alle, aber die überwältigende Mehrheit. Hier in Thailand, in einem Dorf namens Nam Plik mit geschätzten 5'000 Einwohnern, haben wir vier Klöster. Zwei für die Scholastiker und zwei für die Praktiker. Wie die Lage in Euren Ländern ist, habe ich ja weiter oben beschrieben. Mir ist, als würde mir jemanden einen glühenden Dorn ins Herz stechen. Die wenigen Klöster die Ihr habt, leiden unter Geldmangel.

An dieser Stelle möchte ich Euch fragen, was Ihr eigentlich wollt? Was willst Du, der/die diese Zeilen hier liest? Willst Du die Originallehre des Erhabenen Buddhas lernen, den Weg der zum Ende von dukkha führt in Angriff nehmen? Jenen Weg, auf dem wir alle Illusionen verlieren? Oder willst Du in der Illusion stecken bleiben, dukkha weiter als ständiger Begleiter an Deiner Seite haben? Du hast die freie Entscheidung.

Wer den Edlen Achtfachen Pfad gehen will, der braucht nicht nur einen Lehrer, der braucht einen besonderen Lehrer, einen sogenannten ariya-puggala. Übersetzt heisst es Edle Person und gemeint sind all jene, die mindestens in den Strom eingetreten sind, maximal jene, die Araht geworden sind. Wer nicht in den Strom eingetreten ist, kann Euch den Weg in den Strom nicht lehren. Ihr geht ja auch nicht in einen Kochkurs zu jemandem der nicht kochen kann und ihr lernt nicht bei jemandem Auto fahren, der selbst noch nie Auto gefahren ist. Wenn ihr krank seid dann geht ihr nicht zum Metzger und nicht zum Maurer und auch nicht zum Gärtner. 

Es gibt nur einen mir bekannten Menschen, der ohne Lehrer, den Weg zu Ende gegangen ist und das ist der Erhabene Buddha. Und selbst der Erhabene hatte für die Ruhemeditation zwei Lehrer aufgesucht. Zu Zeiten vom Ehrwürdigen Lehrmeister Man gab es in Thailand kein ariya-puggala, aber er hatte glücklicherweise savaka-arahats, Schüler des Erhabenen Buddhas, die ihn in seiner tiefen Meditation besuchten und lehrten, damit er den Weg zu Ende gehen konnte.

Ihr müsst eine Entscheidung treffen, wohin die Reise gehen soll, denn jetzt nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung und das bedeutet, ihr wollt alles so belassen, wie es jetzt ist. Ihr wollt keine Lehrer, die Euch wirklich etwas lehren können, sondern ihr wollt weiterhin den Happy-Samsāra-Buddhismus, den Mickey Mouse Buddhismus praktizieren, der Euch von einer Illusion in die nächste führt. Bitte, ich bitte Euch in Eurem Sinne, im Sinne Eures citta, beginnt Euer buddhistisches Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Der Erhabene Buddha rät uns folgendes:

Wenn wir bei einem Lehrer sind, wo es angenehm ist und wo unsere Praxis keine Fortschritte macht, dann sollen wir den Lehrer verlassen und uns einen neuen suchen. Wenn wir aber bei einem Lehrer sind, wo es unangenehm ist, wo aber unsere Praxis Fortschritte macht, dann sollen wir bei diesem Lehrer bleiben. Wenn uns dieser Lehrer rausschmeisst, dann sollen wir unser Fehlverhalten korrigieren und zu ihm zurück kehren.

Der Ehrwürdige Lehrmeister Man hat seine Schüler auch rausgeschmissen, wenn sie störrisch waren. Dann trug er ihnen auf in die Wälder zu gehen, dort wo die Tiger lebten. Denn ein Tiger kann unter Umständen ein sehr guter Lehrer sein. Wenn mitten in der Nacht der Wald durch einen Schrei eines Tigers bebt, dann wir so mancher störrischer Mönch einsichtig.

Es gibt verschiedene Lehrer-Schüler Beziehungen. Wenn wir streng nach dem vinaya gehen, dann gibt es nur die Lehrer-Schüler Beziehung unter Mönchen. Denn nur wir Mönche geloben unserem Lehrer absoluten Gehorsam, wir ordnen uns ihm komplett unter. Was immer er uns aufträgt, dass tun wir. Übersetzt lautet diese Paliformel in etwa: "Von diesem Tag an soll die Bürde des Lehrers auch meine sein und ich werde des Lehrers Bürde sein."

So eng ist die Beziehung zwischen Mönchslehrer und Novize oder Nonne* nicht. Laien, die sich für Tage, Wochen oder Monate im Kloster bei einem Mönchslehrer aufhalten haben eine noch losere Beziehung. Am losesten ist das Verhältnis Lehrer zu Laie, der nur ab und an ins Kloster kommt. Das macht so Sinn und ist auch ganz und gar im Sinne des vinaya. Durch die verschiedenen Stufen der Lehrer-Schülerbeziehung ergibt sich dann auch eine Hierarchie innerhalb einer Gemeinschaf.

* In Thailand können Frauen weder die Novizin, noch Bhikkhunī werden. Nonnen in Thailand nennt man Mae Chi (ausgesprochen Mä Tschi) und sie unterziehen sich den acht sīla