Zu Zeiten des Erhabenen Buddhas, bevor er erwachte und das Dhammarad in Bewegung setzte, gab es in Indien viele religiöse Sekten, die unterschiedliche Herangehensweisen und Ideologien vertraten. Betreffend dem Thema Seele teilten sie sich in ein grosses Lager auf, welches an eine Seele glaubte und die Minderheit, welches eine Seele bestritt. Die Mehrheit plädierte für ein attā, die anderen nirattā, Wenn wir diese Sichtweisen auf Deutsch einander gegenüber stellen, erkennen wir, welche Positionen die beiden Gruppierungen eingenommen hatten.

Die einen glaubten an ein Selbst, die anderen an Kein-Selbst. In dieser Situation kommt der Erhabene Buddha, setzt sich mitten zwischen die beiden Meinungen und lehrt das Nicht-Selbst.

Ein Selbst können wir uns sehr gut vorstellen, es ist nämlich das, was wir täglich wahrzunehmen glauben. Das da irgendwo hinter den Augen im Hirn drin ein Ich sitzt, welches sieht, riecht, hört, weiss, denkt, spricht, entscheidet, usw. Damals wie heute ist die absolute Mehrheit der Menschen von diesem Selbst überzeugt. Die andere Seite, es sind die Nihilisten, die behaupten, es gäbe Kein-Selbst. Da es sehr schwer nach zu vollziehen ist, diese nihilistische These zu glauben, sind es auch nur wenige, die daran festhalten.

Der Erhabene sprach über das Nicht-Selbst, was weder ein Selbst bestätigt, noch verneint. "Ja da wirst narrisch", würde mein bayrischer Freund jetzt ausrufen. So unrecht hat er nicht und das hat zwei Gründe. Anattā, die Lehre vom Nicht-Selbst, können wir weder durch denken, noch durch lesen, noch durch reden verstehen. Das geht nur durch unsere Praxis und wir brauchen viele Einsichten in anattā, bevor wir es zu verstehen beginnen. Der zweite Grund ist, dass eine falsche Herangehensweise an anattā dazu führt, auf einen Weg der falschen Ansicht zu gelangen und dieser Wege gibt es einige. Das Ich, oder das Selbst, oder attā besteht als Illusion und erst auf dem Schritt zur vollen Erwachung können wir diese Illusion knacken. Vorher besteht diese Illusion und es ist unmöglich, sie aufzulösen, solange die fünf niederen Fesseln uns noch an die körperliche Geburt binden. Die Ich-Illusion ist eine rein geistige Illusion und mit der Untersuchung des Geistes beginnen wir erst, wenn wir die dritte Stufe der Erwachung erklommen haben und anāgāmi sind. 

Bitte nehmt Euch das zu Herzen, weil ich von mehreren Fällen weiss, wo Personen den falschen Weg gewählt haben und jetzt in einer Sackgasse drin stecken. Da sie Lehrer ablehnen, anerkennen sie auch keine Autorität, die ihnen aus dieser Sackgasse heraus helfen könnte. Geht ja auch gar nicht, denn in ihrer Illusion, ist gar niemand in dieser Sackgasse. Dass sie durch ihren Irrweg innerhalb der Ich-Illusion eine Nicht-Ich-Illusion geschaffen haben und dadurch jetzt erstens, in zwei Illusionen drinstecken und zweitens ihr Ego verdoppelten, ist ihnen nicht bewusst, sie gehen ja vom Gegenteil aus.

Wie wir mit anattā umgehen, wird im Praxisteil konkret und detailliert behandelt. Hier und heute wollen wir uns einen Satz ganz gut merken und ihn für unsere Praxis auswendig lernen. 

"Das bin ich nicht, das gehört mir nicht, das ist nicht mein Selbst."

Wie bei anicca untersuchen wir das erste khandha des Körpers und vom zweiten khandha die körperlichen Gefühle. Wo in diesen vielen Einzelteilen ist ein Selbst zu finden? Das ist unsere Aufgabe und sie ist für den Stromeintritt sehr wichtig, damit wir die erste der fünf niederen Fesseln ablegen können. Auf diese Art und Weise offenbart sich anattā scheibchenweise von selbst.

Wir, oder besser gesagt, diese Ich-Illusion in uns, muss akzeptieren, dass unser Herz dasjenige ist, was loslassen kann. Und nur unser Herz kann anattā verstehen. Dort wo sich die Ich-Illusion manifestiert, kann dies nicht verstanden werden. Und wir beweisen uns das, indem wir den Erhabenen Buddha selbst zitieren. Von einem Skeptiker wurde er nämlich gefragt, was dann jetzt wahr wäre: "Bist Du nach dem Tod, oder bist Du nicht, nach dem Tod?" Und der Erhabene antwortete:

"Weder bin ich nach dem Tod, noch bin ich nicht nach dem Tod!"