Dhamma beinhaltet zwei Komponenten. Die erste ist die Wahrheit, Soheit, Wirklichkeit. Mich persönlich fasziniert der Begriff Soheit, denn er deutet darauf hin, das es so ist, wie es ist. Das heisst, Soheit ist das Gegenteil von Illusion. Die zweite Komponente von dhamma ist der Weg, der zur Soheit führt, oder anders ausgedrückt, die buddhistische Lehre.

In diesem Artikel bleiben wir bei der ersten Komponente das dhamma im Sinne von Wahrheit, Soheit und Wirklichkeit. Wir können uns dieses dhamma als eine Ebene vorstellen. Eine Ebene, die zu weiten Teilen im Verborgenen liegt, zumindest aus unserem derzeitigen Blickwinkel. Über dem dhamma liegt eine zweite Ebene, die wir konventionelle Realität nennen. Diese Ebene sehen wir, sie ist uns bestens vertraut, wir leben in ihr und gehen davon aus, sie sei Realität. Ist sie aber nicht, sie ist nur eine konventionelle Realität.

Wir müssen uns ein paar Gedanken über das Wort Konvention machen. Eine Konvention ist eine Übereinkunft. Die Wörterbücher kennen nur die Konventionen von Gruppen und Gesellschaften, wir müssen aber tiefer gehen, denn jeder Mensch erschafft sich seine eigenen Konventionen. Ein Beispiel einer gesellschaftlichen Konvention ist der Sonnenaufgang. Seit Kopernikus und Gallileo Gallilei wissen wir, dass die Sonne nicht auf und auch nicht unter geht. Trotzdem sprechen alle von Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Was auf der dhamma-Ebene eine Illusion ist, haben wir auf der konventionellen Ebene zur Realität deklariert.

Wenn wir unser gegenwärtiges Dasein analysieren, dann merken wir im verlaufen tausender Stunden buddhistischer Praxis, wie gross die Disharmonie zwischen dhamma und konventioneller Realität ist. Unser Bestreben in der Praxis ist, scheibchenweise Disharmonie abzubauen und unsere individuelle Realität der Soheit anzupassen.

Dazu ein Beispiel aus dem Thema kamma. Dass nur derjenige ermordet wird, der früher selbst gemordet hat, wollen wir auf der konventionellen Ebene nicht wahrhaben. Das löst eine ganze Reihe von schlechtem kamma bei uns aus. Beispielsweise bedauern wir das Opfer und wir hassen den Täter. Hätten wir beide Ebenen bereits harmonisiert, dann würden wir sowohl Opfer, als auch Täter mit mettā und zwar in gleichem Masse, bedenken. Denn beide sind sowohl Täter, als auch Opfer, nur zeitlich und über verschiedene Leben versetzt.

Ein ganz anderes Beispiel für die beiden Ebenen möchte ich hier anfügen. Für mich persönlich war es nicht nur ein Meilenstein meines buddhistischen Weges, sondern weit mehr. Goethe lässt den Faust einsichtig ausrufen: "Zwei Seelen wohnen Ach in meiner Brust!" Er trifft den Nagel genau auf den Kopf, auch wenn wir in der buddhistischen Terminologie nicht von Seele sprechen. In unserer Brust wohnen zwei Mächte und diese beiden Mächte waren mal Eins. Irgendwie ist dieses Eins in zwei Hälften zerbrochen. Wenn wir nibbāna erreichen, dann vereinen wir die beiden Mächte wieder. Ein Arahat nennt man Heiliger, weil er den Bruch in seiner Brust geheilt hat, er ist heil geworden.

Wenn Eins in zwei Häften zerbricht, dann fehlt der einen Hälfte die andere und umgekehrt. Genau das führt zu unserer tiefen Sehnsucht, uns geborgen zu fühlen, uns gut aufgehoben zu fühlen und Zuhause zu fühlen. Ganz tief in uns drin scheint eine Erinnerung an damals zu schlummern, damals als wir heil und Eins waren und diese Erinnerung löst die Sehnsucht aus. Aus dieser Sehnsucht, gepaart mit unserer unendlichen Dummheit, versuchen wir auf falschem Wege wieder Eins zu werden. Wir denken, dass wenn wir uns eine schöne Wohnung oder gar ein schönes Haus zulegen, dann wären wir Zuhause, geborgen so wie damals, vor vielen Milliarden Leben. Oder wir betäuben unseren Geist durch Alkohol, Drogen und Psychopharmaka. Oder wir gehen Beziehungen ein, wir suchen unsere 'bessere Hälfte', den passenden Deckel auf den Topf. Oder wir erarbeiten uns Macht und Ansehen im Beruf, oder im Sport, oder versuchen uns im Hobby selbst zu verwirklichen. Auch Kinder, Besitztümer und Haustiere haben nur einen einzigen Zweck, wir wollen wieder Eins sein.

Aber wie können wir unser gebrochenes Herz einen, wenn wir unsere Aktivitäten ausserhalb dieses kaputten Herzens geschehen lassen. Der buddhistische Weg der Praxis geht nicht nach aussen, sondern nach innen. Die Praxis lässt unser Herz gesunden, die zwei Mächte vereinen sich wieder und wenn wir letztlich geheilt sind, ist die tiefe Sehnsucht gestillt. Dass diese Worte nicht nur Theorie oder gar Blabla sind beweisst uns das appanā-samādhi. In der vollen Sammlung nämlich vereinen sich die beiden Mächte in einem einzigen Punkt. Der Geist befindet sich im ekaggatā, wir sind Zuhause, solange wir im appanā-samādhi verweilen. Der Ehrwürdige Lehrmeister Maha Bua lehrte seine Schüler, dass dieser Geisteszustand die Vorschau auf nibbāna sei. Wer diesen Zustand einmal erlebt hat, weiss, was absolutes Glück wirklich ist, denn er war Zuhause.

Menschen ohne diese tiefe Samādhierfahrung fühlen sich schnell mal alleine und einsam, was eine Form von dukkha ist und feine, aber auch grobe Züge annehmen kann. Dass wir immer und überall alleine sind, ist uns gar nicht bewusst. Hier klafft die Soheit und unsere individuelle Realität meilenweit auseinander. Während der Schwangerschaft beispielsweise kommen sich Mutter und Kind sehr nahe, so nahe wie möglich. Aber sowohl Mutter, als auch Kind, sind alleine. Während der Geburt sind beide ganz alleine, auch wenn im Gebärsaal Arzt, Hebamme, Schwestern, sowie Mann und Vater auf die Niederkunft warten und helfend beiseite stehen. Das ganze Leben über sind wir alleine, auch wenn wir uns mit Freunden zum Essen und guten Gesprächen treffen, oder zu Zeiten, als wir mit 20 anderen Kinder die Schulbank drückten. Ja selbst beim wohl intimsten Moment, dem Geschlechtsverkehr, wo der eine im anderen drin steckt, sind beide alleine. Und irgendwann kommt der Tod und dann sterben wir auch ganz alleine. Es spielt keine Rolle, ob uns jemand die Hand hält und liebevoll mit uns spricht, oder ob wir einsam und alleine irgendwo in der Wildnis in einer Einsiedlerhöhle sterben, wir tun es auf jeden Fall alleine. Das was wir von Zweisamkeit erhoffen, kann und wird niemals eintreffen, weil dies eine Erwartung der konventionellen Ebene ist und nicht in Einklang mit der Ebene des dhamma steht.

Die Dhammaebene ist, wie es ist, die Soheit. Die konventionelle Realität können wir verändern, indem wir die Rechte Ansicht entwickeln. Die rechte Ansicht ist ja der erste Edle Pfad. In der Regel wollen wir aber nicht die Rechte Ansicht kultivieren, sondern, arrogant, dumm und überheblich wie wir Menschen nun mal sind, soll sich gefälligst das dhamma an unsere Ansicht anpassen. Wir versuchen seit vielen Milliarden von Leben dieses dhamma an unsere individuelle Wahrheit anzupassen und für diesen aussichtslosen Kampf haben wir unendlich viel Zeit und Energie. Sobald wir uns aber im dhamma üben wollen, haben keine Zeit, oder wir werden sehr schnell müde. Da stimmt doch etwas nicht! Wieso streben wir nicht danach, Mitgestallter in einer Dhammagemeinschaft zu sein? In einer Gemeinschaft deren Symbiose einen deutlichen Mehrwert für alle ergibt. Anstelle dessen tun wir uns in Gemeinschaften und Beziehungen zusammen, wo eine Illusion angestrebt wird und sehr oft, alle Mitglieder als Verlierer vom Platz gehen.

So verhält es sich mit den zwei Ebenen von konventioneller Realität zum dhamma. Eine jede Ebene hat eine eigene Sprache. Aus Sicht des dhamma gibt es nur zwei Sprachen. Jene des dhamma und jene der Worte. Englisch, Französisch, Deutsch, Thailändisch, das ist alles ein und die selbst Sprache, jene der Worte. Die Sprache der Worte findet im Geist statt, Worte sind Bestandteil von Denken. Dhamma fängt aber erst dann an, wenn Denken aufhört, denn erst dann kann das Herz seine Arbeit tun und dhamma freilegen. Deshalb lehrte der Erhabene Buddha den Weg der Praxis und nicht jenen der Theorie. Er empfahl keinem Mönch und keinem Laien, den Palikanon zu studieren. Er empfahl niemandem, irgendwelche Glaubenssätze aufzusagen und zwar solange, bis die Befreiung eintritt. Er empfahl, den Edlen Achtfachen Pfad zu gehen, das und nichts anderes empfahl er.