Diese Übung ist eine der wichtigsten, die ich allen Buddhisten wärmstens empfehlen kann, ganz egal ob Ihr eine Wiedergeburt anstrebt, oder den harten Weg zu nibbāna geht und ganz egal, ob Ihr praktizierende Buddhisten seid, oder Euch der Lehre auf studierender Art und Weise annähert.

Zuerst schauen wir uns die Übung an und gehen später auf die verschiedenen Nutzen ein.

Als letzte Tätigkeit vor dem Schlafengehen, setzen wir uns hin und reflektieren unseren Tag vom Augenblick an, wo wir aufgewacht sind, bis in den gegenwärtigen Augenblick hinein. Dabei stellen wir folgende Fragen:

  1. Was habe ich gedacht?
  2. Was habe ich gefühlt?
  3. Was habe ich getan?
  4. Was habe ich gesagt?

Zu Beginn, als Anfänger dieser Übung, müssen wir mit einem Zeitaufwand von ein bis zwei Stunden rechnen, je nach Intensität unseres Tagesablaufs. Mit zunehmender Dauer sinkt der Zeitaufwand merklich. Über den Fortgeschrittenenstatus hinaus sind wir, wenn während der Übung der ganze Tag wie ein Film vor unserem geistigen Auge abläuft und uns die Informationen ohne Kraftanstrengung sofort in den Sinn kommen.

Bitte achtet von Anfang an auf drei sehr wichtige Punkte. Erstens werten und urteilen wir nicht über das, was wir Revue passieren lassen. Dies ist einzig und alleine die Arbeit unseres Herzens, welches dies ohne unser Zutun, von selbst erledigt. Zweitens: Je mehr Ihr Euch gegen diese Übung wehrt, keine Lust habt oder vergesst sie zu tun, desto 'näher' seid Ihr, dass die Übung erfolgreich ist. Wehren tun sich die kilesa, niemand sonst. Und drittens, zieht keine Querverbindungen zwischen gedacht, gefühlt, getan und gesagt. Auch dies ist die Arbeit unseres Herzens. Wir müssen verhindern, dass wir darüber nachdenken, was diese verschiedenen Dinge miteinander zu tun haben.

Der Nutzen der Übung ist, dass wir, die wir meinen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen klar und eindeutig merken, wie wenig wir von unserem Leben bewusst mitbekommen. Wir bekommen langsam aber sicher mit, dass die kilesa die Macht über uns besitzen und in Verborgenen regieren. Durch diese Einsicht fällt es uns immer wie leichter, während des Tages achtsamer zu sein. Die Übung stärkt unsere sati.

Wenn wir die Übung über Monate und Jahre konsequent machen, erkennt unser Herz automatisch die Zusammenhänge zwischen denken, fühlen, sagen und tun. Die vier Tätigkeiten beeinflussen sich gegenseitig, was wir durch die Tagesreflexion offenlegen wollen. Wichtig dabei ist, dass wir uns davor hüten, diese Zusammenhänge direkt und bewusst, mittels denken heraus zu kristallisieren. Das Herz muss diese Arbeit für uns machen, wir arbeiten hierbei indirekt, indem wir unserem Herzen zeigen, was es tut, an was es anhaftet. Indem das Herz einsieht, was in ihm abläuft, wird es loslassen, wenn es bereit dazu ist.

Ein weiterer Nutzen den ich hier ansprechen möchte ist, dass wir mit der Zeit klar sehen, was der Erhabene Buddha mit der zweiten Edlen Wahrheit meint. Dukkha entsteht in unserem Herzen aufgrund der gegenwärtigen Zustände in diesem Herzen und nicht wegen äusseren Umständen. Das hat zur Folge, dass wir uns darauf besinnen dort unsere Energie und Achtsamkeit hinzulenken, wo wir Einfluss nehmen können, in unserem Tun, was nichts anderes ist als unser kamma.

Fortgeschrittene Übende mögen vielleicht auch erkennen, dass die Grundlagen des Buddhismus (Grosszügigkeit, Respekt, Dankbarkeit, ...) in genau der gleichen Art und Weise nach innen gerichtet sind, wie wir es nach aussen ausleben. Und dann wird uns endlich klar, wie wichtig diese Grundlagen sind, um in unserer Praxis voran zu kommen.

Die Tagesreflexion fördert alle drei Säulen des Edlen Achtfachen Pfades, die ich im Artikel Einstieg in die Praxis vorgestellt habe.